Die Wechseljahre klopfen an: Zwischen Hormonchaos, Fältchen und Gelassenheit

Der Anfang der Wechseljahre fühlt sich für mich an wie ein leiser Übergang – kein klarer Schnitt, sondern eher ein vorsichtiges Anklopfen. Heute mit 48 stehe ich genau an dieser Schwelle. Ich habe meinen Hormonstatus bestimmen lassen und weiß nun: Ich bin „am Tor“. Und ehrlich gesagt – es ist ein seltsames Gefühl. Irgendwo zwischen Neugier, Respekt und auch einer gewissen Wehmut.

Und gleichzeitig stellt sich mir eine ganz andere Frage: Haben wir vielleicht ein bisschen verlernt, Dinge einfach geschehen zu lassen?

Wenn ich mit meiner Mutter spreche, klingt das alles so anders. Kein Hormonstatus, kein ständiges Beobachten, kein permanentes Hinterfragen. Das Leben lief – mit all seinen Veränderungen. Man wurde geboren, man lebte, man wurde älter. Punkt.

Heute dagegen leben wir in einer Welt, in der uns die Beauty- und Gesundheitsbranche ständig zuflüstert: Anti-Aging, Longevity, Haut verbessern, jünger aussehen. Hightech-Pflege, Supplements, Behandlungen – es gibt für alles eine Lösung. Zumindest theoretisch.

Und dann sitze ich bei der Dermatologin, eigentlich wegen ein paar Altersflecken. Und ganz nebenbei fragt sie mich, ob wir nicht auch über ein kleines Cat-Eye-Lifting oder andere Möglichkeiten sprechen wollen, die Augenpartie frischer wirken zu lassen.

Ich musste lachen.

Nicht, weil ich grundsätzlich etwas dagegen habe. Im Gegenteil – ich finde es völlig legitim, wenn man hier und da nachhelfen möchte. Aber in diesem Moment dachte ich: Muss wirklich jede Veränderung sofort korrigiert werden?

Denn diese Jahre hinterlassen nun einmal Spuren. Nicht nur im Gesicht, sondern im ganzen Leben.

Und natürlich wäre es gelogen zu behaupten, dass mich das alles völlig kaltlässt.

Die Vorstellung, einfach wieder die Version von mir selbst von vor zwanzig Jahren zu sein, hat durchaus ihren Reiz.

Nicht unbedingt jünger sein. Aber vielleicht hier und da wieder ein bisschen frischer aussehen. Ein bisschen ausgeschlafener. Ein bisschen näher an der Frau, die man einmal war.

Wenn es einen Knopf gäbe mit der Aufschrift „Version 2006 wiederherstellen“, ich würde ihn vermutlich zumindest kurz in der Hand halten.

Wahrscheinlich sogar zweimal.

Andererseits erinnere ich mich auch daran, wie viel Unsinn die Version 2006 gemacht hat.

Die Haut war straffer. Die Knie besser. Die Frisuren fragwürdiger.

Und die Gelassenheit eher ausbaufähig.

Vielleicht ist das also wie bei einem Software-Update: Nicht jede neue Version sieht besser aus. Aber einfach auf die alte zurückzugehen ist meistens auch keine Lösung.

Denn selbst wenn man die äußere Hülle von vor zwanzig Jahren zurückbekäme – die Frau darin wäre trotzdem eine andere.

Mit mehr Erfahrungen. Mehr Narben. Mehr Geschichten.

Und vermutlich auch mit einer deutlich achtsamen Yogapraxis.

Man kann die Haut straffen.

Aber das Leben bleibt sichtbar.

Und genau da frage ich mich manchmal: Wann haben wir angefangen zu glauben, dass all diese Spuren verschwinden müssen?

Denn – und das ist vielleicht die ehrlichste Erkenntnis: Es erwischt uns alle.

Wirklich alle.

Ganz egal, ob mit Naturkosmetik, Anti-Aging-Cremes, Yoga, Atemübungen oder Botox – niemand kommt hier unverändert raus.

Und wenn man ehrlich ist: Niemand kommt lebend raus aus dieser Nummer.

Vielleicht liegt genau darin auch eine gewisse Erleichterung.

Und gleichzeitig – so ehrlich muss man auch sein – hat dieses ganze Wissen eben doch seinen Wert.

Zu wissen, dass der eigene Körper gerade ein umfangreiches Umbauprojekt gestartet hat, kann unglaublich entlastend sein.

Früher war ich ein Mensch mit ziemlich stabilem Betriebssystem. Natürlich gab es gute und schlechte Tage, aber insgesamt lief die Software zuverlässig. Optimistisch. Belastbar. Gute Laune serienmäßig eingebaut.

Und dann kamen die Wechseljahre.

Plötzlich sitze ich morgens beim Kaffee und denke: Ach, was für ein schöner Tag.

Zwei Stunden später bin ich überzeugt, dass mein Mann falsch atmet.

Weitere drei Stunden später könnte ich wegen eines Labrador-Welpen-Videos auf Instagram weinen.

Und abends frage ich mich ernsthaft: Bin das eigentlich noch ich?

Dieses hormonelle Umbauprojekt ist wirklich faszinierend. Man bekommt Emotionen geliefert, die man nie bestellt hat.

Mal føhlt man sich wie die weise Frau des Dorfes.

Mal wie ein pubertierender Teenager mit Lesebrille.

Und manchmal innerhalb derselben halben Stunde.

Besonders spannend ist das übrigens, wenn man einen zwölfjährigen Sohn zu Hause hat, der gerade selbst mitten in seinem hormonellen Umbau steckt.

Manchmal sitzen wir uns am Esstisch gegenüber und ich denke: Interessant. Der eine kommt in die Pubertät, die andere geht gerade durch die Wechseljahre. Beide sind gelegentlich gereizt, emotional und halten die jeweils andere Seite für leicht anstrengend.

Die Natur hat offenbar Sinn für Humor.

Genau deshalb finde ich es hilfreich zu verstehen, was da gerade passiert. Nicht, um jede Stimmungsschwankung auf Hormone zu schieben. Aber um einordnen zu können, warum man sich zeitweise selbst so fremd vorkommt.

Das nimmt Druck raus. Aus einem selbst. Und manchmal auch aus der Partnerschaft.

Frei nach dem Motto:

Bevor wir die Scheidung einreichen, schauen wir vielleicht erst einmal, ob gerade mein inneres Umbaukommando Überstunden macht.

Ich merke, dass ich genau zwischen diesen Welten stehe. Zwischen der Generation meiner Mutter, die vieles einfach angenommen hat, und unserer, die alles verstehen, messen und begleiten möchte. Zwischen „laufen lassen“ und „bewusst hinschauen“.

Und genau hier kommt für mich Yoga ins Spiel.

Nicht als nächstes Optimierungsprojekt. Sondern als Gegengewicht. Als Erinnerung daran, wieder mehr ins Spüren zu kommen statt ins Analysieren und Bewerten.

Yoga bringt mich zurück in meinen Körper. In den Moment. In dieses einfache „Es ist gerade, wie es ist“.

Vielleicht ist genau das die Form von Longevity, die mich wirklich interessiert: nicht möglichst lange faltenfrei zu bleiben – sondern mich möglichst lange verbunden zu fühlen. Mit mir. Mit meinem Körper. Und – im besten Fall – auch mit meinem Umfeld.

Die Wechseljahre sind kein Defekt. Sie sind aber auch kein Wellness-Retreat.

Sie sind ein Übergang.

Einer, der manchmal nervt, manchmal überrascht und manchmal sogar ein bisschen demütig macht.

Und im Zweifel gilt:

Nicht jeder Streit ist ein Beziehungsthema.

Manchmal sind es die Hormone.

Und manchmal braucht man einfach eine gute Nacht Schlaf.

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Enso Studio
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