In den letzten zwanzig Jahren bin ich vielen Yogalehrenden begegnet.
Manche waren unglaublich beweglich.
Manche beeindruckend diszipliniert.
Manche konnten Asanas, bei denen ich mich gefragt habe, ob ihre Knochen überhaupt noch menschlich sind.
Aber wenn ich heute zurückblicke, erinnere ich mich kaum an ihre Klassen.
Ich erinnere mich an Menschen.
Vor einiger Zeit war ich bei einem Yoga-Retreat in der Türkei.
Fabio aus Italien leitete die Stunde.
Um uns herum saßen Urlauber. Einige trugen noch ihre Sonnenbrillen.
Er schaute in die Runde und sagte ganz ruhig:
“Please take off your sunglasses. Yoga is serious.”
Ich musste schmunzeln.
Nicht, weil ich den Satz übertrieben fand.
Sondern weil ich spürte, dass er etwas ganz anderes meinte.
Es ging nicht um die Sonnenbrillen.
Es ging um Präsenz.
Darum, für diese Stunde wirklich da zu sein.
Nicht zu beobachten.
Nicht gut aussehen zu wollen.
Nicht im Urlaubsmodus zu bleiben.
Sondern anzukommen.
Später in derselben Stunde zeigte Fabio einen Schulterstand über eine Vorwärtsrolle.
Er machte die Bewegung einmal vor.
Ich versuchte sie nachzumachen.
Es klappte nicht.
Also bat ich ihn, sie noch einmal zu zeigen.
Er lächelte nur und sagte:
„Geh heute nur so weit, wie es heute möglich ist.“
Mehr nicht.
Er zeigte die Bewegung während der Stunde kein zweites Mal.
Erst danach.
Damals war ich im ersten Moment irritiert.
Heute bin ich ihm dafür dankbar.
Denn plötzlich wurde mir klar:
Es ging gar nicht um den Schulterstand.
Es ging um mein Ego.
Um diesen Wunsch, etwas sofort verstehen und können zu wollen.
Fabio hat mir an diesem Tag keine neue Asana beigebracht.
Er hat mich auch nicht zu einer besseren Yogalehrerin gemacht.
Aber er hat mich daran erinnert, wie schnell auch ich in mein Ego rutsche.
Wie schnell aus Neugier Ehrgeiz wird.
Und wie schwer es manchmal ist, einfach anzunehmen, was heute möglich ist.
Genau deshalb erinnere ich mich heute noch an ihn.
Nicht wegen des Schulterstands.
Sondern wegen der Erkenntnis, die geblieben ist.
Vielleicht ist genau das für mich ein guter Lehrer.
Nicht jemand, der möglichst viel Wissen vermittelt oder die Asanas perfekt beherrscht.
Sondern jemand, der etwas in mir anstößt.
Etwas, das ich erst viel später wirklich verstehe.
Heute glaube ich auch, dass Fabio damals gar nicht über Sonnenbrillen gesprochen hat.
Wir alle tragen manchmal welche.
Nicht auf der Nase.
Sondern als Rolle.
Als Fassade.
Als Schutz.
Und vielleicht ist Yoga einer der wenigen Orte, an denen wir sie für einen Moment abnehmen dürfen.
Nicht um perfekt zu sein.
Sondern um einfach präsent zu sein.
Denn an Handstände erinnere ich mich kaum.
An Menschen, die etwas in mir bewegt haben, schon.

