Seit 2012 unterrichte ich Yoga. In diesen inzwischen über dreizehn Jahren habe ich in verschiedenen Studios gearbeitet, ein eigenes Studio geführt und unzählige Menschen auf der Matte begleitet. Und eines kann ich mit Sicherheit sagen: Die Yogawelt hat sich stark verändert.
Yoga ist heute sichtbarer denn je. Es gibt immer neue Formate und Trends: Flow Yoga, Vinyasa, Power Yoga oder choreografische Formen, die Bewegung und Musik verbinden. Moderne Ausdrucksformen einer alten Praxis, die unterschiedliche Menschen ansprechen – und das ist grundsätzlich etwas Schönes.
Parallel dazu erleben wir einen großen Boom an Bewegungsformen, die häufig im gleichen Umfeld stattfinden, aber eigentlich nicht Yoga sind: Reformer Pilates, Redline Pilates, Barre oder funktionelles Training. Ich schätze vieles davon sehr. Pilates ist großartig, Krafttraining ebenso. Diese Methoden sind kraftvoll und sinnvoll – aber sie sind eben nicht Yoga. Und manchmal tut diese klare Unterscheidung einfach gut.
Was sich in den letzten Jahren ebenfalls stark verändert hat, ist die Inszenierung rund um Yoga. Special Classes, Events, Musik, Pop-ups, Matcha-Drinks nach der Stunde. Yoga wird immer öfter zum Erlebnis. Dazu kommt eine große Yoga-Fashion-Industrie, die eine Yoga-Hose nach der anderen auf den Markt bringt und dabei vermittelt: Yoga sieht gut aus, Yoga ist ästhetisch, Yoga ist perfekt inszenierbar.
Und dann ist da natürlich noch die digitale Welt. Online-Yoga, Challenges, Programme und Plattformen, die oft von Influencern angeboten werden. Eine Yogaklasse nach der anderen, jederzeit abrufbar, bequem von zu Hause. Früher waren Januar und Februar die Monate, in denen Menschen in die Studios strömten, um mit ihrer Praxis zu beginnen. Heute tauchen stattdessen immer neue Online-Yoga-Challenges in den Feeds auf.
Das ist weder grundsätzlich gut noch schlecht. Es ist einfach eine Entwicklung unserer Zeit. Gleichzeitig beeinflusst sie auch die Realität vieler Yogalehrerinnen und Yogalehrer und verändert, wie Yoga praktiziert und erlebt wird.
Was mich bei all diesen Entwicklungen immer wieder innehalten lässt: Yoga war nie nur Bewegung. Nie nur Asana. Die Yogapraxis wurde über Generationen weitergegeben – von Lehrer zu Schüler, von Mensch zu Mensch. Pranayama, Meditation, das bewusste Ankommen und ebenso das bewusste Abschließen einer Praxis waren immer zentrale Bestandteile.
Heute fallen genau diese Elemente in vielen Klassen oft weg. Nicht aus Ignoranz, sondern weil unsere Welt schnell geworden ist und sich auch Yogaformate dieser Geschwindigkeit anpassen.
Dabei passiert Yoga – zumindest aus meiner Erfahrung – oft genau dort, wo es still wird.
Wo nichts mehr ablenkt.
Wo kein neuer Reiz wartet.
Wo vielleicht sogar Langeweile entsteht.
Langeweile ist im Yoga kein Problem. Sie kann sogar ein Tor sein. Denn erst wenn die äußeren Ablenkungen leiser werden, beginnt etwas anderes sichtbar zu werden: Atem, Wahrnehmung, Präsenz.
Wir leben in einer Zeit voller Geschwindigkeit, Nachrichten, Umbrüche und Unsicherheiten. Gleichzeitig liegt gerade in solchen Zeiten immer auch eine enorme Kraft der Neuentstehung. Unruhige Zeiten gab es in der Geschichte immer. Yoga hat sie überdauert, weil es mehr ist als ein Trend.
Yoga ist keine Perfektion. Kein perfekt inszenierter Raum, kein makelloser Flow und kein Event, das bloß nicht langweilig sein darf. Yoga ist eine Praxis. Eine Erfahrung. Etwas, das uns immer wieder zurück zu uns selbst führt – auf der Matte und im Leben.
Ich wünsche mir, dass wir bei all den neuen Formen, Trends und Möglichkeiten die Quellen des Yoga nicht aus dem Blick verlieren. Dass neben Bewegung auch wieder Raum für Atem, Stille und echte Präsenz bleibt.
Denn Yoga ist nicht verschwunden.
Es ist auch nicht tot.
Vielleicht ist es manchmal einfach nur ein bisschen beschäftigt – mit Trends, Events, Challenges und der nächsten schönen Yogahose.
Aber seine eigentliche Kraft zeigt sich immer noch dort, wo es still wird.
Wo nichts mehr ablenkt.
Wo wir wieder anfangen zu spüren.
Yoga ist nicht tot.
Es wartet nur geduldig darauf, dass wir wieder still genug werden, um es zu hören.
Füsun Folger (Gründerin Enso Studio)

